Wirsberg Theater vom Feinsten: „Die Räuber“ als Ausdruck einer emotional geprägten Jugendbewegung des „Sturm und Drang“
Der „Sturm und Drang“ ist die Jugendbewegung der deutschen Literatur. Germanisten bezeichnen sie auch als „Pubertätsphase“ von Goethe und Schiller, bevor sie dann zu Klassikern reiften. Für Friedrich Schiller sind „Die Räuber“ ein Drama, das ihn biographisch zutiefst geprägt hat. War dieses für den ausgebildeten Mediziner schließlich damit verbunden, dass er nach der Uraufführung in Mannheim am 13. Januar 1782 aus dem Dienst des württembergischen Herzogs Carl Eugen (1728-1793) ausscheiden musste und zeitlebens einen existentiellen Daseinskampf führte. Nach der Aufführung in Mannheim soll das Publikum so bewegt gewesen sein, dass es zu emotionalen Ausbrüchen kam. Dem Oberstufentheater des Wirsberg-Gymnasiums, unter der bewährten Leitung von Julia Greb, Harald O. Kraus und Siegfried Hutzel gelang es, den Geist der Schillerschen „Räuber“ im Chambinzky Hafentheater zum Leben zu erwecken, was in hohem Maße mit der Spielfreude und dem Engagement der Schülerinnen und Schüler zusammenhing.
Literarischer Abend mit Professor Bergengruen
Vorgeschaltet war dem Theaterereignis ein „literarisches Quartett“, das sich aus zwei Mitgliedern des Regieteams sowie Professor Dr. Maximilian Bergengruen, Inhaber des Lehrstuhls für neuere deutsche Literatur -und Kulturgeschichte an der Universität Würzburg sowie Dr. Dr. Thomas Richter, Schülervater und Germanist, zusammensetzte. Das Moderatorenteam, bestehend aus Marlene Obermeier und Laurenz Müller, stellte dem literarischen Quartett persönliche und fachliche Fragen, was die Genese des Dramas betraf. Die Idee einer Räuberinszenierung stammte von Julia Greb, während Harald O. Kraus in seiner eigenen Jugend mit dem Drama in der Schule nicht die besten Erfahrungen gemacht hatte. Auch Thomas Richter fand den Zugang zum Stück erst spät, was mit seiner Beschäftigung von Schillers Biographie als Mediziner zusammenhing. Maximilan Bergengruen warnte davor, zu viel eigene persönliche Erfahrungen in das Theaterstück zu projizieren. Es ist ein Drama des späten 18. Jahrhunderts, in dem sich Schiller mit dem Absolutismus auseinandersetzte und implizit die Forderung an einen regierenden Fürsten stellte, klug, besonnen und gerecht zu regieren. Denn darin scheitern die Protagonisten in den „Räubern“ und verursachen, so Maximilian Bergengruen, die entsprechenden seelischen Verwundungen in ihrem Umfeld. Beispielhaft sei hier nur der „alte Moor“ genannt, der in der geordneten Übergabe seiner Herrschaft kläglich versagt.
Vom fröhlichen Studentendasein zur Gewaltorgie
Mit diesem gut besuchten literarischen Abend war das Feld bereitet, um eine Woche später an vier aufeinander folgenden Tagen, Schülertheater vom Feinsten zu bieten. Allein die Rolle des alten Grafen von Moor war eine Herausforderung, welche Fabio Meding in hervorragender Weise bewältigte. Denn diese Figur ist tatsächlich kein junger Mensch, sondern der Vater von Karl und Franz, zwischen denen ein heftiger Konflikt entbrennt. Es ist das klassische Muster vom dem sich zurückgesetzt fühlenden Geschwisterkind, das sich wie ein roter Faden durch die Literaturgeschichte zieht. Diese emotionale Verletzlichkeit des jüngeren Bruders Franz Moor brachte Timofej Molodchinin sehr berührend auf die Bühne. Aus der Zurücksetzung entwickelte sich, ähnlich wie beim biblischen Kain, eine ungeheure Zerstörungskraft, welche Franz eine Intrige spinnen lässt, die den älteren Bruder Karl, gespielt von Laurenz Müller, glauben lässt, dass der Vater Maximilian Moor mit ihm gebrochen habe. Diese Nachricht erreicht den in Leipzig studierenden Karl im Kreise seiner Kommilitonen und Schankmädchen, als sie gerade ein fröhliches „Gaudeamus igitur“ anstimmen. Der Stimmungsumschwung spiegelt sich im Wechsel der Kostüme wider, welche, wie in den letzten Jahren in professioneller Weise von Sigrid Maroske, geschneidert wurden. Aufgemischt vom Kommilitonen Moritz Spiegelberg werden schließlich aus den Studenten die gewaltbereiten Räuber unter ihrem neuen Hauptmann Karl Moor, die sich in die böhmischen Wälder zurückziehen und von dort ihre Schrecken verbreiten. Als bester Nebendarsteller ist Karl Schneller zu nennen, der den Spiegelberg mit fast schon diabolischen Zügen auf die Bühne bringt.
Von der „schönen Seele“ zum Wechselspiel von Geist und Körper
Die Räuber sind zweifellos ein Männerstück und Frauen spielen in diesem Schillerschen Frühwerk nur eine untergeordnete Rolle, was sich in späteren Dramen ändern wird. Amalia von Edelreich ist die Geliebte Karl Moors, die treu zu ihm steht und möglicherweise darauf hofft, eines Tages als dessen Ehefrau die Herrin in den Moorschen Besitztümern zu werden. Franz neidet seinem Bruder nicht nur das Recht als Erstgeborner, sondern auch die Liebe zu Amalia, die er gerne an sich binden würde. Marlene Obermeier und Joana Richard gelingt es, die, bei Schiller eher schwache, Frauengestalt mit Leben zu erfüllen. Am Ende wird sich Amalia in einer grandiosen Schlussszene opfern und verlangen, dass Karl Moor sie umbringt. Interpreten sehen hier Schillers Auseinandersetzung mit dem Typus der „schönen Seele“, die er vor allem in „Maria Stuart“ meisterhaft perfektionieren wird. Bei aller schauspielerischer Virtuosität liefert die Räuber-Inszenierung des Wirsberg-Theaters auch zwei ganz entscheidende Hinweise zum tieferen Verständnis des Dramas. Die erste Schlüsselszene bezieht sich auf den Besuch Karl Moors im väterlichen Schloss, den er zusammen mit dem Räuber Kosinsky unternimmt. Dieser, wechselweise dargestellt von Juri Bergengruen und Jona Olthoff, hat eine ähnliche tragische Liebesgeschichte mit einem Mädchen, das zufällig auch Amalia heißt. Beim Besuch im Schloss tarnen sie ihre Identität, um nicht erkannt zu werden. Eine Ahnengalerie wird dabei auf der Bühne inszeniert, bei der Maximilian Moor mit seiner bei Schiller überhaupt nicht auftauchenden Ehefrau und den beiden kleinen Söhnen Karl und Franz zu sehen ist. Diese werden von den Schülern der Unterstufe gespielt, welchen auf diese Weise der Einstieg in die facettenreiche Theaterwelt der Schule eröffnet wird. Die Botschaft ist eindeutig. Verletzungen und Zurücksetzungen haben in vielen Fällen etwas mit der frühen Kindheit zu tun, welche vermutlich auch das Verhalten der erwachsenen Söhne Karl und Franz Moor erklären. Berührend ist ebenfalls die Szene, in der Franz beschließt, seinen Vater Maximilian nicht mit Gift, sondern mit starken Affekten wie Gram, Angst und Trauer zu töten. Maximilian soll sterben, so der Plan von Franz, indem er über die fingierte Todesnachricht seines ältesten und vielgeliebten Sohnes Karl zu Tode erschrickt. „Der Geist baut sich seinen Körper“ war eine entscheidende Erkenntnis zur Psychosomatik, die Friedrich Schiller bei der Beschäftigung mit der zeitgenössischen Medizin gewann. Passend dazu treten mehrere schwarz gekleidete Gestalten auf die Bühne, welche für diese emotionalen Affekte stehen. Das Feuerwerk aus politischer Geschichte des späten 18. Jahrhunderts, sich radikalisierenden Studenten, unglücklichen Familienaufstellungen sowie psychosomatischen Erkenntnissen wurde immer wieder durch Musikstücke unterbrochen, was ein wenig an das epische Theater Bertholt Brechts erinnerte, der mit seinem Song von den „Haifischen“ sogar persönlich zu Wort kam. Nach diesem Höhepunkt in der Geschichte des Wirsberg-Theaters bleibt ein Stück Wehmut zurück, dass die vier Theaterabende so schnell zu Ende gingen. Die Aussicht auf ein Wiedersehen im Hafentheater Chambinzky im Jahr 2027 verwandelt aber auch diese heraufziehende Melancholie in eine große Vorfreude.
Dr. Dr. Thomas Richter











